World Wide Web wird 15 Jahre alt
Es war der 30. April 1993, an dem das World Wide Web zur Nutzung freigegeben wurde. Seitdem sind 15 Jahre vergangen, in denen das Medium unsere Welt nachhaltig verändert hat, und selbst schon zahlreiche Entwicklungen hinter sich hat.
Es war der 30. April 1993, an dem das World Wide Web (WWW) zur allgemeinen Nutzung freigegeben wurde. Entstanden ist es bereits 1989 als Projekt am CERN, unter der Federführung von Tim Berners-Lee. Dennoch wird der 13. April 2008 als der 15. Geburtstag des World Wide Webs gefeiert.
Wichtig ist hierbei eine Unterscheidung zwischen dem WWW und dem Internet. Im allgemeinen Sprachgebrauch werden diese Begriffe meist unterschiedslos verwendet. Tatsächlich ist das World Wide Web ein einzelner Bestandteil des wesentlich älteren Internets. Als WWW wird jenes Hypertext-System definiert, welches mittels Webbrowser über das Internet abgerufen wird.
Vor der Erfindung des World Wide Webs war das Internet allerdings für die breite Masse uninteressant. Andere Internet-Dienste wie IRC und Telnet waren zu wenig einsteigerfreundlich. Erst nach der Öffnung des WWW fand das Internet weite Verbreitung. Daher erscheint es verständlich, warum Internet und Web oftmals gleichgesetzt werden.
Erfolgsgeschichte
Beim WWW handelt es sich noch um ein relativ junges Medium. Dennoch ist aus dem täglichen Leben gar nicht mehr wegzudenken. Kein anderes Medium hat innerhalb solch kurzer Zeit so weite Verbreitung gefunden und die Welt so nachhaltig geprägt, ja ganze Lebensangewohnheiten verändert. Egal ob zur Recherche, zum Informationsaustausch, zum Online-Shopping oder um soziale Kontakte zu pflegen - rund 1,5 Milliarden Menschen weltweit nutzen das World Wide Web, Tendenz weiter steigend.
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Geschätzte Zahl der Internetnutzer 2002-2010. Datenquelle: Bitkom
Dass die Porno-Industrie zu Erfolg von WWW und Internet beigetragen hat, lässt sich nicht von der Hand weisen. Es darauf zu reduzieren wäre allerdings falsch. Alleine die Möglichkeiten der Informations-Beschaffung übers WWW hätten wohl genügt, damit sich dieses Medium durchsetzt, auch wenn es vielleicht etwas länger gedauert hätte. Quasi ein Alleinstellungsmerkmal des Webs ist, dass es unglaublich einfach ist, Gleichgesinnte über das Internet zu finden. Egal ob es Fanseiten zu Musikbands oder Philosophie-Foren sind, egal ob sich politisch Gleichgesinnte oder religiöse Fanatiker treffen, egal ob es um Selbsthilfegruppen oder Kinderporno-Ringe geht - im Web treffen sie alle aufeinander.
Verschlafene Entwicklungen
Das WWW hatte nicht nur auf die Lebensgewohnheiten massive Auswirkungen, sondern auch für viele Firmen und ganze Wirtschaftszweige. Oft wurde jedoch die Entwicklung Web
verschlafen und das Internet aufgrund allgemeiner Skepsis abgelehnt. Aus heutiger Sicht betrachtet war das natürlich ein kapitaler Fehler.
Im Jahr 1995 soll Bill Gates noch gesagt haben Internet ist nur ein Hype
. Eine Fehleinschätzung, die Microsoft später zu spüren bekam. Zu lange wurde das Internet nicht ernst genommen, die lukrativen Geschäftsfelder Suchmaschinen und Online-Werbung wurden vernachlässigt. Als der Fehler erkannt wurde, hatte sich die Konkurrenz längst etabliert (nun will Microsoft mit einem Kauf von Yahoo endlich Fuß fassen, und bietet dafür 45 Milliarden Dollar).
Auch die Content-Industrie erkannte die Zeichen der Zeit nicht rechtzeitig. Lange wurde das Internet aufgrund der Möglichkeiten zum illegalen Musiktausch über Tauschbörsen verteufelt. Als Vertriebskanal wurde das World Wide Web erst mit dem einsetzenden Erfolg von Apples iPod und iTunes wahrgenommen. Anstatt auf Direktvertrieb zu setzen, und durch weniger Zwischenhandel von höheren Gewinnmargen zu profitieren oder die Preise zu senken, wurden iTunes und Nachahmern der Weg als neue Intermediäre geebnet.
Schon in naher Zukunft könnte das Internet auch das Gesundheitswesen verändern. In gewisser Weise ist das schon dadurch geschehen, da immer mehr Menschen zuerst Doktor Google, und dann erst ihren Hausarzt konsultieren. Zukünftige Entwicklungen werden aber noch tiefgreifender sein - so wird etwa die Krankenakte im Internet früher oder später kommen. Oder etwa die medizinische Überwachung immobiler Personen über das Internet. Doch auch hier wehren sich viele, nicht nur aus berechtigten Datenschutzgründen.
Verdrängung klassischer Medien
Oftmals wurde orakelt, dass das Web klassische Medien gänzlich verdrängen würden. Informationsportale würden Zeitungen ersetzen, YouTube könne Fernsehen ersetzen, und so weiter. Tatsächlich gibt es für diese Vermutungen in der Empirie keinerlei Beweise. Bereits 1913 formulierte Wolfgang Riepl die folgende Hypothese, die bis heute gültig ist:
[Medien können], wenn sie nur einmal eingebürgert und für brauchbar befunden worden sind, auch von den vollkommensten und höchst entwickelten Medien niemals wieder gänzlich und dauerhaft verdrängt [...] werden [...], sondern [...] sich neben diesen erhalten, nur dass sie genötigt werden, andere Aufgaben und Verwertungsgebiete aufzusuchen.
Zahlreiche Beispiele geben ihm Recht. Um eventuellen Einwänden vorzugreifen, weise ich darauf hin, dass Riepl nicht von Medien im technischen Sinne spricht (etwa Langspielplatte zu CD), sondern vom Medien nach dem Verständnis der Kommunikationswissenschaften.
Bereits mit der Erfindung des Radios wurde der Untergang der Zeitung prophezeit, weil Radio viel aktueller berichten könne. Doch Radio fehlen etwa visuelle Elemente. Diese kamen dann mit dem Fernsehen, doch auch das Fernsehen verdrängte weder Zeitungen noch Radio. Die Zeitungen waren nur gedrängt, sich mehr auf Hintergrundberichte zu verlegen, da andere Medien einen Aktualitätsvorteil hatten.
Und so ist es auch im Internet. Das Web ersetzte keine gedruckten Nachrichten, E-Mails ersetzen weder Briefe noch das Fax. Selbst in der mengenmäßigen Mediennutzung hat das bisher nicht beeinflusst. Das Web fügte sich in den Tagesablauf ein, Radio ist nach wie vor ein Tagesbegleiter im Hintergrund (die höchsten Einschaltquoten verdankt das Medium Radio dem Autoradio), und Fernsehen ist primär ein Abendmedium. Das World Wide Web substituiert keine anderen Medien, sondern ist ein Komplementär.
Entwicklung des Webs
Das Web hat in seiner Geschichte natürlich schon zahlreiche Entwicklungen durchgemacht und ist ein ausgesprochen dynamisches Medium. Anfangs war es noch ein rein textbasiertes Medium, später fand eine Koevolution mit den Browsern statt. Besonders während des Browserkriegs gab es grundlegende Entwicklungen (Javascript, CSS, Cookies).
Unlängst habe ich eine Hypothese gelesen (leider weiß ich nicht mehr, wo und von wem), dass das Web etwa alle 10 Jahre ein neues Entwicklungsstadium erreichen würde. Diese Behauptung stützt sich darauf, dass das Web 1993 zugänglich wurde, und die Entstehung des sogenannte Web 2.0 rund um das Jahr 2003 datiert wird. Es handelt sich hierbei um ein Modell ganz ähnlich der Kondratjew-Zyklen in der Ökonomie.
Geht es nach dieser Hypothese, können wir rund um das Jahr 2013 bereits das Web 3.0 erwarten. Was die zukünftigen Entwicklungen sein werden, lässt sich naturgemäß schwer prognostizieren. In diesem Zusammenhang werden häufig das mobile Web und das semantische Web genannt. Kurz- bis mittelfristig sehe ich persönlich die zunehmende Konvergenz der Medien, eine wachsende Bedeutung des mobilen Webs, die teilweise Verlagerung von Desktop-Software ins Web (siehe Photoshop Express), eine weiter steigende Nutzung sozialer Netzwerke und eine fortschreitende Kommerzialisierung, angekurbelt durch den wachsenden Online-Werbemarkt. Doch am Ende kommt vieles anders, als man es erwartet hätte ...
Artikel veröffentlicht von Thomas Graf am 29. April 2008 | Tweet