Über SEO-Wissen und Halbwissen
Aus welchen Quellen wird SEO-Wissen generiert und wie zuverlässig sind diese Erkenntnisse? Eine kritische Auseinandersetzung.
Gerade im Bereich der Suchmaschinenoptimierung gibt es mangels reglementierter Ausbildung sehr viele Suchmaschinenoptimierer
, die sich ihr Wissen selbstständig aus mehr oder weniger guten Quellen angeeignet haben. Diese sehen sich oftmals dem Vorwurf des Halbwissens gegenüber. Erst vor kurzem schrieb etwa auch ABAKUS-Gründer Alan Webb über gefährliches Halbwissen beim Linkaufbau.
Zweifelsohne betreiben einige Suchmaschinenoptimierer ihr Geschäft wesentlich professioneller als eine breite Masse an Hobby-SEOs. Im Folgenden geht es jedoch um die Frage, ob es im SEO-Bereich überhaupt etwas anderes als Halbwissen geben kann? Gibt es hier so etwas wie gesichertes Wissen? Um diese Frage zu beantworten, muss man zuerst die möglichen Entstehungsquellen des SEO-Wissens
identifizieren und anschließend bewerten.
- Google:
Wer sollte besser wissen, wie man eine Website in den Suchmaschinen nach vorne bringt, als der Suchmaschinen-Betreiber selbst? Jedoch hat Google (in Europa ist dabei derzeit nur Google wirklich relevant, daher diese Gleichsetzung mit Google) nicht unbedingt das Interesse, den Website-Betreibern zu viele Tipps zu geben. Googles Ratschläge gehen daher überwiegend in die Richtung Usability und Crawlability — oftmals gute Anhaltspunkte für grundlegende Optimierungen, aber nichts womit man sich deutlich von der Konkurrenz abheben könnte.
Zudem ist zweifelhaft, ob alle Informationen wirklich korrekt sind — zu oft hat man den Eindruck, dass Google gewisse Sachen als nicht funktionierend bezeichnet, obwohl praktische Beispiele auf das Gegenteil hinweisen. Eine mögliche Strategie, damit Schwächen von Googles Algorithmus verdeckt und somit nicht zu sehr ausgenutzt werden. - Experimente:
Professionell arbeitende Suchmaschinenoptimierer führen oftmals eigene SEO-Experimente durch. Manche Ergebnisse davon werden auch veröffentlicht, und dann leider zu oft als gesichertes Wissen aufgefasst. Tatsache ist aber, dass diese Experimente grundlegende Schwächen aufweisen. Die meisten veröffentlichten Ergebnisse sind das Resultat eines einmaligen Versuchs. Seriöse Forschung mit Experimenten erfordert jedoch, dass ein Experiment wiederholbar sein muss — nur so können Zufälle ausgeschlossen werden. Zudem können mangels Kenntnis aller Ranking-Faktoren auch keine anderen Einflüsse auf das Ergebnis ausgeschlossen werden. Die Probleme mit SEO-Experimenten konnte man in jüngerer Vergangenheit sehr gut am Beispiel des Mohakenox-Experiments (zusammengefasst von Martin Mißfeldt, Original von SEO-Handbuch) nachvollziehen. Wirklich ausgeklügelte Experimente erfordern sehr große Ressourcen und werden daher (sofern sie überhaupt jemand durchführt) wohl kaum kostenlos publiziert werden. - Erfahrung:
SEOs machen oft das, womit sie in der Vergangenheit gute Erfahrungen gemacht haben. Die entstehenden Probleme sind ähnlich wie bei Experimenten. Die Erfahrungen umfassen meist ein Bündel von SEO-Maßnahmen, die Wirksamkeit einer einzelnen Maßnahme kann nie mit absoluter Sicherheit bestätigt werden. - Datenanalyse:
Als Alternative zu Einzelfall-Experimenten bietet sich die Analyse von großen Datenmangen an. Bekanntes Beispiel im deutschsprachigen Raum ist dabei etwa die Rankingfaktoren-Analyse von Sistrix. Das Problem ist hier nicht mehr der Zufall, sondern die Frage nach Kausalität. Derartige Auswertungen zeigen nämlichen nicht Kausalitäten, sondern Korrelationen. Ein Faktum, das analytisch weniger bewanderten Lesern oftmals unbekannt ist (ein bekanntes Beispiel für irreführende Korrelationen ist der Indianerstamm, der regelmäßig frühmorgens ein Tier opfert, weil er glaubt nur dadurch würde es einen Sonnenaufgang geben). - Patente:
Patentbeschreibungen von Suchmaschinen-Betreibern geben einen sehr guten Einblick, was theoretisch möglich wäre. Aus ihnen lassen sich oftmals neue Ranking-Faktoren und Zusammenhänge erkennen, die mit relativ einfach gestrickten Experimenten niemals erkennbar wären. Interessante Patentschriften zu finden ist jedoch nicht einfach (SEO by the Sea ist hierbei eine gute Sekundärquelle) und erfordern aufmerksames Lesen. Das Problem bei Patentschriften ist, dass erstens nicht bekannt ist ob die beschriebenen Verfahren tatsächlich implementiert wurden und sie zweitens zum Zeitpunkt des Bekanntwerdens auch schon wieder veraltet sein können. Wenn Erkenntnisse aus Patenten jedoch zusätzlich durch Datenanalyse oder Experimente bestätigt werden können, handelt es sich hierbei wohl um die beste Wissensquelle.
Das Lesen von Tutorials, Blogs oder Foren kann zwar Wissen vermitteln, ist aber keine Entstehungsquelle für Wissen und wurde aus diesem Grund nicht angeführt. Zusätzlich zu Problemen mit der Entstehungsquelle kommt das Problem hinzu, dass diese Sekundärquellen oftmals zwischen Fakten und Mutmaßungen nicht unterscheiden oder grundsätzlich Falsches wiedergeben — wodurch dann die klassischen SEO-Mythen entstehen.
Allen Quellen gemein ist zudem, dass das generierte Wissen unter Umständen auch schon wieder veraltet sein kann. So war beispielsweise Pagerank Sculping für einige Zeit state of the art
, bis Matt Cutts plötzlich eine Änderung bezüglich des Umgangs mit nofollow-Links mitteilte und somit ein Umdenken erforderlich wurde.
Zusammenfassend kann man sagen, dass es abgesehen von den absoluten Grundlagen praktisch kein gesichertes SEO-Wissen gibt. Mögliche Erkenntnisse stehen stets unter gewissen Vorbehalten und sind daher immer kritisch zu hinterfragen. Vermeintliches SEO-Wissen ist in Wirklichkeit nur Halbwissen. Und gerade gute SEOs zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich eben dessen bewusst sein und entsprechend handeln.
Artikel veröffentlicht von Thomas Graf am 16. März 2010 | Tweet
| Trackback zu diesem Artikel | Datum | |
| Top Beiträge der Woche 11/10 | 22.03.2010 |
|
Mißfeldt 16. März 2010 [#] |
Hi, Guter Artikel. Vielen Dank für die Erwähnung. Ich muss allerdings anmerken, dass das Mohakenox-Experiment nicht von mir, sondern von Dennis Tippe (SeoHandbuch) durchgeführt wurde. Ich habe sein Fazit nur kommentiert bzw. ein eigenes Fazit gezogen. Danke und Gruß, Martin |
|
Thomas 16. März 2010 [#] |
Danke für den Hinweis, ich habe es gleich ausgebessert ... |
|
Markus Bauer 16. März 2010 [#] |
Gefällt mir sehr gut. Die Aussage "Gerade gute SEOs zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich Ihres Halbwissens bewusst sind und entsprechend handeln" könnte man evtl. noch ergänzen bzw. konkretisieren um "und das auch so nach außen kommunizieren" - denn dann würde die SEO-Branche in der allgemeinen Wahrnehmung sicher an Seriosität gewinnen. |
|
Thomas 18. Mai 2010 [#] |
Wenn man für Kunden arbeitet, wäre so etwas in der Art natürlich sinnvoll — wobei das dann in allgemeineren Formulierungen ("keine Erfolgssicherheit") schon eingebettet sein sollte. Wenn man auch explizit auf Halbwissen eingehen will, sollte man das dann doch lieber ein bisschen positiver formulieren (à la nichts ist sicher, aber wir versuchen über Experimente und Analysen das so weit wie möglich empirisch zu überprüfen) ... |
|
Peter 30. Oktober 2010 [#] |
"Das Lesen von Tutorials, Blogs oder Foren kann zwar Wissen vermitteln, ist aber keine Entstehungsquelle für Wissen und wurde aus diesem Grund nicht angeführt." Irotzdem beziehen wohl 95% der SEOs ihr wissen aus eben solchen Quellen ;) |