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  • Wikipedia und die Fleischerei

    Ein Artikel über "Mzoli's Butchery" führte in der englischen Wikipedia zu heftigen Debatten. Die Frage nach der Relevanz von Artikeln sorgt für Unmut. Nach einem Bericht des Spiegels schwappt die Diskussion jetzt auch auf den deutschen Ablegen über ...

    Wikipedia ist wieder in vieler Munde. Diesmal aber eher negativ, denn Medien und Blogger richten derzeit ihre Augen auf die ständigen Diskussionen um Artikellöschungen und Relevanzkriterien.

    Prolog

    Es begann alles mit Jimbo Wales (warum gibts im deutschsprachigen Wiki eigentlich keinen ausführlichen Artikel?). Gemeint ist aber gar nicht die Wikipedia an sich. Jimbo Wales schrieb am 17. September 2007 einfach einen Artikel. Einen Artikel über Mzoli's Butchery (einer Mischung aus Fleischerei, Restaurant und Nachtclub in Kapstadt). Doch der Artikel war böse! Wie jetzt noch keiner weiß, wird dieser Artikel noch für jede Menge Zoff sorgen.

    Erster Akt

    Der neunzehnjährige Chad, in Wikipedia als ^demon unterwegs, stolpert über den - zu diesem Zeitpunkt gerade einmal 22 Minuten alten - Artikel des Wikipedia-Mitgründers. Doch mit Schreck muss er feststellen: Der Artikel ist nicht nur ein Stub (so nennt man in Wikipedia ausgesprochen kurze Artikel) - nein, er ist auch noch irrelevant. Zu dieser Zeit stand da nebst zwei Links gerade einmal:

    Mzoli's Meats is a butcher shop and restuarant located in Guguletu township near Cape Town, South Africa.

    Der fleißige Administrator zieht die folgerichtige Konsequenz und löscht den Artikel. Wäre der Artikel von einem durchschnittlichen WP-Mitarbeiter gekommen, wäre die Sache damit wohl gegessen gewesen.

    Zweiter Akt

    Doch in diesem Fall wurde der Artikel wieder ins Reich der Lebenden gerufen. Doch damit ist noch lange nicht Schluss. Seriöse Kräfte bauen erst einmal den Artikel aus, die folgenden Absätze wurden eingefügt:

    Located in Gugulethu township, a poor Black neighborhood, the restaurant attracts important politicians and television stars, famous DJs such as DJ Fresh, as well as college students, businesspeople, travellers, and college students.

    The restaurant serves as a "do-it-yourself" market, selling meat to patrons who in turn hire independent entrepreneurs running stalls on the grounds to prepare meals. Owner Mzoli Ngcawuzele obtained start-up funding from the Development Bank of South Africa, which was designed to support black-owned businesses.

    Das klingt doch schwer nach Werbung! Werbung (und das ist nicht ironisch gemeint) sollte aber in der Wikipedia nichts verloren haben. Also fügen wir erst einmal einen netten Tag (eine Kennzeichnung) hinzu:

    This article or section is written like an advertisement.
    Please help rewrite this article from a neutral point of view.

    Daraufhin folgen ein paar Bearbeitungen mit den folgenden Kommentaren:

    • EVula: just because we have an article on a company doesn't mean that it is spam
    • Grcampbell: how is it famous??
    • Wikidemo: restoring famous - source says it is; other coverage suports claim
    • Melsaran: famous is a value judgement, and it is not really relevant anyway + doesn't add anything to the article. the fact that some sources call it famous doesn't mean that we should.

    Dann ist wieder ^demon an der Reihe. Da man ihm die sofortige Löschung nicht durchgehen lässt (das ist nur für ganz böse Artikel), schlägt er in einer Löschdiskussion (so macht mans bei weniger bösen Artikeln) vor. Die Begründung lautet: Non-notable restaurant with minor press coverage. We are not the white pages and we are not a travel guide. Die Vorhänge fallen wieder ...

    Dritter Akt

    Zeitsprung. Knapp zwei Wochen später. Wir schreiben gerade den 30. September 2007. Die Pro-Mzoli's-Fraktion hat gesiegt. Das deutsche Nachrichtenmagazin Spiegel kommt jetzt auf die Bühne. Jemand aus der Redaktion wurde auf das Theater aufmerksam. Im Artikel Wikipedia-Gründer darf nicht mitschreiben mokiert Autor Konrad Lischka nicht zu Unrecht:

    Am Ende wird der Artikel über Mzoli's Place wiederhergestellt. Nach vielen Ergänzungen umfasst er inzwischen 6200 Zeichen - die Dokumentation der Debatte über seine Berechtigung hat etwa 46.380 Zeichen.

    Der Artikel wurde 51 mal geyiggt (für Yigg-Verhältnisse ein sehr guter Wert), in vielen Blogs zitiert und auch im österreichischen staatlichen Rundfunk konnte ich davon hören.

    Vierter Akt

    Der Artikel wird nach dem Spiegel-Bericht auch in die deutschsprachige Wikipedia gestellt. Wohlgemerkt nicht von irgendeinen Troll, sondern von Achim Raschka (Autor von fast hundert Artikeln, die mit dem Prädikat exzellent oder lesenswert ausgezeichnet wurden). Doch die deutsche Wikipedia ist bekanntlich die Hochburg der digitalen Artikel-Vernichtung. Klar, dass der Löschantrag nicht lange auf sich warten lässt (am 1. Oktober 2007, 8:00 war es so weit) ...

    Und so läuft derzeit eine Diskussion, ob der Artikel bleiben darf. In der englischen Wikipedia durfte er. Für den deutschen Ableger schauts wesentlich schlechter aus: Bei meiner ungefähren Auszählung (2. Oktober, gegen 19 Uhr) stand es 37 zu 15 für eine Löschung. Highlight in der Begründung der Artikel-Gegner: löschen, und wenn es nur darum ist zu zeigen, dass wir besser anders sind als die [englischsprachige Wikipedia]. Kein Kommentar.

    Mal sehen wie es weitergeht, der fünfte Akt ist noch nicht geschrieben. Fünfakter nach der Ars poetica von Horaz enden ja nicht selten mit einer Katastrophe ...

    Wikipedia und die Relevanz

    Die Wikipedianer berufen sich immer wieder auf ihre Relevanzkriterien. Da gibt es einen ganzen Katalog, was relevant ist, und was nicht - fast 5000 Wörter umfassen die Richtlinien. Anstatt sich auf eine Richtlinien (wer hat diese eigentlich erstellt? 100 Hardcore-Wikipedianer? sind die repräsentativ?) zu berufen, sollten sich manche überlegen, was der Sinn dahinter ist. Primär, würde ich sagen, soll so Eigenwerbung ein Riegel vorgeschoben werden.

    Die derzeitigen Relevanz-Kriterien sind aber unbefriedigend. Die Autoren von gelöschten Artikeln (oft noch Wiki-Neulinge) sind frustriert, stellen ihre Arbeit ein, und die Wikipedia verliert einen wertvollen (naja, gilt vielleicht nicht für alle) Mitarbeiter. Um nicht nur zu kritisieren, schlage ich hier neue Kriterien vor ;)

    • Beim Verfassen eines Artikels muss die Vermittlung von Wissen im Vordergrund stehen.
    • Reine Werbe-Artikel sind folglich nicht zugelassen (arme SEOs!)
    • Das Thema sollte grundsätzlich auf für Personen interessant sein, wenn der Leser keinen persönlichen Bezug dazu hat (schließt z.B. Eigen-Biographien aus).
    • Das Thema sollte zumindest so viel Potential bieten, dass mit belegbaren Informationen ein Artikel enstehen kann, der aus mehr als nur wenigen Sätzen besteht.
    • Für Abstimmungen bzw. Auslegung der Relevanzkriterien gilt: Wenn mindestens 10 Personen oder 25% der Abstimmenden gegen eine Löschung sind, soll der Artikel behalten werden (Relevanz ist subjektiv, in diesem Fall ist er zwar nur für eine Minderheit relevant, aber nicht generell irrelevant).

    Hierzu möchte ich noch zwei Dinge sagen: Das Ziel von Wikipedia ist (vereinfacht von mir gesagt) einen wesentlichen Beitrag zum freien Zugang zu Wissen zu leisten. Dass man eine Enzyklopädie sein will, schließt für mich gar nichts aus. Denn (Zitat Wikipedia) eine Enzyklopädie ist ein Nachschlagewerk, das alle Gebiete menschlichen Wissens strukturiert und umfassend darstellt. Unsere Vorstellungen von enzyklopädischer Relevanz sind von der Buchform geprägt. In einem Buch kann man nicht alle Informationen hinein stopfen. Bei digitalem Nachschlagewerk muss das nicht so sein - und falls sich manche Wikipedianer um den Speicher sorgen, so findet sich sicher ein Spender!

    Artikel veröffentlicht von am 02. Oktober 2007 |


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